Die drei Größenordnungen

Mittelständische Geschäftsführer, die zum ersten Mal Individualsoftware beschaffen, hören selten eine Zahl — sie hören stattdessen „Das hängt davon ab.“ Das stimmt, aber es ist keine Antwort. Auf Basis von Dutzenden Projekten und dem Bitkom-Leitfaden Individualsoftware (2023) lassen sich drei Kostenkorridore klar abgrenzen: der kleine Wurf (15–50.000 Euro), der mittlere Wurf (50–150.000 Euro) und der große Wurf (150–500.000 Euro). Jede Klasse hat charakteristische Beispielprojekte, typische Laufzeiten und spezifische Annahmen, unter denen die Zahlen gelten. In diesem Artikel siehst du, was in welche Klasse fällt, und warum dieselbe Lösung bei einer klassischen Unternehmensberatung oft das Fünffache kostet.

Der teuerste Fehler bei Individualsoftware ist nicht über- oder unterzahlen. Er ist, nicht zu wissen welche Klasse man braucht, und dann in der falschen Klasse einzukaufen.

Kleiner Wurf: 15.000 bis 50.000 Euro

Dieser Bereich deckt klar abgegrenzte Anwendungen ab, die einen spezifischen Prozess lösen, ohne tiefe Systemintegration zu erfordern.

Typische Projekte:

  • Angebotskalkulations-Tool für 3–5 interne Nutzer, das eine komplexe Excel-Kalkulation ablost und Angebote direkt generiert.
  • Internes Dashboard, das Daten aus zwei bestehenden Systemen zusammenführt und täglich automatisch aufbereitet.
  • KI-Assistent, der eingehende Anfragen vorkategorisiert und an die richtigen Ansprechpartner weiterleitet.
  • Schnittstellen-Automatisierung: Daten aus einem Portal automatisch in das ERP übernehmen.

Typische Laufzeit: 4–8 Wochen bis zur produktiven Version.

Annahmen die gelten müssen:

  • Der Prozess ist klar beschrieben und stabil. Scope-Änderungen während des Baus kosten proportional viel in dieser Klasse.
  • Keine komplexe Benutzerverwaltung, kein Mandanten-Modell, keine Public-Cloud-Skalierung mit tausenden Nutzern.
  • Schnittstellen zu Drittsystemen sind dokumentiert oder es gibt eine offizielle API.

Was in dieser Klasse NICHT möglich ist: Volle ERP-Funktionalität, Multi-Mandanten-Architektur, vollständige ISO-27001-Zertifizierung der Anwendung, mehr als 3–4 integrierte Umsysteme.

Mittlerer Wurf: 50.000 bis 150.000 Euro

Hier kommen Projekte rein, die entweder einen breiteren Prozess abdecken, mehr Nutzer bedienen, oder deutlich tiefere Systemintegration benötigen.

Typische Projekte:

  • Kundenportal mit Dokumentenmanagement, Auftragsmanagement und Kommunikationsfunktion für bis zu 500 externe Nutzer.
  • KI-Agent, der Produktionsdaten aus dem ERP zieht, Anomalien erkennt und tägliche Reports mit Handlungsempfehlungen generiert.
  • Lieferantenmanagement-Plattform mit automatisierten Bewertungsworkflows und Dokumentenprüfung.
  • Replacement einer kritischen Legacy-Anwendung, die seit Jahren nicht mehr gewartet wird.

Typische Laufzeit: 3–6 Monate, aufgeteilt in Phasen mit jeweils produktiver Teillieferung.

Annahmen die gelten müssen:

  • Das Lastenheft ist zu 80–90 Prozent ausgearbeitet, bevor der Bau beginnt. Jede Stunde Spec-Arbeit im Vorfeld spart drei Stunden Umbau während des Projekts.
  • Mindestens ein interner Ansprechpartner mit 20–30 Prozent Zeitkapazität für das Projekt — Abnahmen, Fachfragen, Testfälle.
  • Schnittstellen zu Umsystemen sind spätestens nach 2 Wochen getestet verfügbar, nicht erst nach 2 Monaten.

Was in dieser Klasse NICHT möglich ist: Hochregulierte Branchen mit intensiven Zertifizierungsanforderungen (MDR für Medizinprodukte, BaFin für Finanzdienstleistungen), Anwendungen mit mehr als 5.000 gleichzeitigen Nutzern ohne zusätzliches Infrastrukturbudget.

Großer Wurf: 150.000 bis 500.000 Euro

Dieser Bereich ist für unternehmenskritische Kernsysteme reserviert: Applikationen, auf die das Geschäft direkt angewiesen ist, die komplexe Compliance-Anforderungen erfüllen müssen, oder die mehrstufige Workflows mit vielen Nutzergruppen und Integrationen abbilden.

Typische Projekte:

  • ERP-Ablager für ein Geschäftsfeld mit spezifischen Anforderungen, die ein Standard-ERP nicht erfüllt, inklusive Buchhaltungsschnittstelle, Dokumentenarchiv und Revisionssicherheit.
  • Branchenlösung mit vollständiger KI-Unterstützung, die 50+ interne und externe Nutzer bedient und mit 8–10 Umsystemen integriert ist.
  • Compliance-kritische Anwendung in einer regulierten Branche mit Prüfpfaden, Audit-Logs und Rollensystem.

Typische Laufzeit: 6–12 Monate in 4–6 Phasen, jede Phase liefert produktive Software.

Annahmen die gelten müssen:

  • Interne Projektleitung mit 50–70 Prozent Kapazität. Ohne das verlängern sich Laufzeiten dramatisch.
  • Alle Schnittstellen-Partner (ERP-Anbieter, Banken, Behörden) sind frühzeitig eingebunden und haben testfähige Umgebungen bereitgestellt.
  • Das Unternehmen ist bereit, Prozesse anzupassen wenn die Softwarelogik das erfordert, statt die Software vollständig an Altprozesse anzupassen.

Der Beratungs-Vergleich: Warum dieselbe Lösung woanders das Fünffache kostet

Ein Projekt aus dem mittleren Wurf — sagen wir ein Kundenportal für 100.000 Euro bei einem spezialisierten Anbieter — kostet bei einer Unternehmensberatung der ersten Reihe 400.000 bis 600.000 Euro. Nicht weil die Lösung besser ist, sondern wegen der Kostenstruktur:

  • Tagessätze: Senior Consultant bei BCG oder McKinsey: 2.500–5.000 Euro pro Tag. Bei einem spezialisierten Mittelstands-Softwaredienstleister: 850–1.400 Euro pro Tag.
  • Overhead: Große Beratungen haben Präsentationsschichten, Account-Management, Quality-Gates und Governance-Strukturen, die im Tagessatz internalisiert sind.
  • Risikoaufschlag: Die Beratung kalkuliert intern mit dem Risiko, dass der Scope wächst und spätere Phasen notwendig werden. Das spiegelt sich im Erstangebot wider.
  • Marke und Haftungskomfort: Für den Vorstand eines DAX-Konzerns ist die Entscheidung für eine bekannte Beratung intern einfacher zu verteidigen. Im Mittelstand trägt die Geschäftsführung die Entscheidung direkt — da zählen Ergebnis und Preis mehr als Marke.

Big-4 und Tier-1-Beratungen sind für bestimmte Themen — Regulatorik, M&A-Begleitung, Konzern-Compliance — die richtige Wahl. Für operative Softwarebeschaffung im Mittelstand sind sie strukturell zu teuer.

Beispiel: Drei Szenarien direkt verglichen

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Projekt Kleiner Wurf Mittlerer Wurf Großer Wurf
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Budget 15–50k € 50–150k € 150–500k €
Laufzeit 4–8 Wochen 3–6 Monate 6–12 Monate
Nutzer (intern) 3–5 10–50 50–500+
Integrationen 0–2 2–6 6–12
Lastenhedt-Reife nötig 70% 85% 90%+
Big-4-Äquivalent 50–150k € 250–600k € 600k–2M+ €
```

Was das für deine Beschaffungsentscheidung bedeutet

  1. Klasse zuerst klären, Anbieter danach. Wer nicht weiß, in welche Klasse sein Projekt gehört, kann kein sinnvolles Angebot einholen und kein sinnvolles Angebot bewerten.
  2. Lastenheft lohnt sich immer. Eine saubere Spec-Grundlage kostet 3.000–8.000 Euro (ein bis drei Tage strukturierte Arbeit), spart aber im Schnitt 15–25 Prozent des Gesamtbudgets durch reduzierte Änderungsanforderungen.
  3. Phasierung verlangt man. Kein seriöser Anbieter für den mittleren oder großen Wurf sollte den vollen Betrag im Voraus verlangen. Klare Phasen mit Abnahmen und Teilzahlungen sind Standard.
  4. KI ist kein Aufpreis — wenn sie richtig eingesetzt wird. Ein Agent, der einen manuellen Prozess automatisiert, kann die Entwicklungszeit verkürzen, nicht verlängern — wenn der Anbieter damit umgehen kann.

Weiterlesen im Wissen-Hub

Wie gescheiterte Digitalisierungsprojekte häufig genau an den falschen Klassen-Entscheidungen scheitern — zu groß gedacht, zu lange Laufzeit, falsche Software-Kategorie — erklärt Warum Digitalisierungsprojekte im Mittelstand scheitern. Wie agentische Applikationen die Kosten für bestimmte Klassen senken, liest du in Agentische Applikationen im Mittelstand.

Wenn du wissen willst, wie ein konkretes Projekt — von der Spec bis zur produktiven Anwendung in 5 Werktagen — abläuft: Individualsoftware für den Mittelstand und Vom Lastenheft zur Software zeigen den Prozess Schritt für Schritt.